Skip to content

Infinite Summer


Geständnis einer Reisenden

Geständnis einer Reisenden

Ich möchte nicht mehr reisen. Zumindestens vorerst erst einmal nicht mehr. Denn es hat nicht mehr die Wirkung, die es einst für mich besaß. Es gab Zeiten, viele davon, in denen ich schon während ich noch auf der einen Reise war, bereits die nächste plante. Für mich gab es keinen Stillstand. Ich wusste, es würde wieder der Moment kommen, an dem ich in die Welt hinaus könnte.

Ich sehnte mich nach den Tagen wie kein anderer. Ein wenig wie eine Verhungernde. Und sobald es soweit war, verlor ich jegliche Vorfreude. Sie kam stetig wieder, während die ersten Minuten, Stunden verstrichen. Und dann fing mich das Feuer, nahm mich in seinen Bann und frass mich auf. Jedes Mal.

Wenn die Antwort ausbleibt

Wenn ich gefragt wurde, wohin die nächste Reise ging, hatte ich immer eine lockere Antwort auf den Lippen. Wenn ich jetzt sage, dass ich es nicht weiß, reißen sie die Augen auf. Als wäre es untypisch für mich. Als hätten sie damit nicht gerechnet. Ach, du wirst schon bald wieder weg sein, so wie du es immer bist, das bist eben du. Ja, das bin eben ich.

Nur, dass ich meine Freude verloren habe. Das Reisen war immer meine Rettung. Nicht, weil ich vom Leben weglaufen möchte, sondern weil es meine Zeit war, in der ich die Schönheiten der Welt entdecken könnte. Ganz in mir aufsaugen, abspeichern und von ihnen zehren konnte. Die Welt und ich. Wir sind gerne eine Einheit.

Die Kraft des Reisens

Das Problem ist nur, dass sie nicht mehr die heilende Kraft besitzt. Sie gibt mir nicht mehr das zurück, wonach ich mich immer gesehnt habe. Sie hat mir eher gezeigt, dass es uns beiden zusammen nur gut geht, wenn ich mich in meinem Leben wohl fühle. Vor nichts wegrenne, Ziele habe, vor Ideen strotze. Hatte ich keine Kraft, gab sie sie mir zurück. In einer anderen Form. Nach dem Reisen hatte ich immer das Gefühl, ich wäre anders, ich könnte alles, wenn ich nur wollte. 

Dieses Mal nahm sie mir meine letzten Kräfte. Dieses Mal gab sie mir das Gefühl, ich wäre niemand. Und vor allem nicht besonders. Nur eine Verlorene unter vielen. Eine ohne Ziel. Eine ohne Sinn. Eine Umherirrende. Obwohl ich das nie war und nie gedacht hätte. Sie spiegelte mir nur das wieder, was ich schon die letzten Monate gespürt hatte. Nur hatte ich gehofft, dass das Reisen mir helfen würde. Dass es mir den richtigen Weg zeigen würde. Und ich endlich wieder wüsste, wohin ich mit meinem Leben gehen möchte.

Ich hatte es so sehr gehofft. Ich habe auf den Moment gewartet, in dem alles in mir schreit: Scheiss auf dein Leben, bleib hier, bereise die Welt. Aber er kam nicht. Statt dessen wuchs meine Unruhe. Es war die erste Reise, die mir keine langanhaltenden Glücksgefühle bescherte. Sie ließ mich nicht aus meinem Gedankenkarussell ausbrechen. Sie half mir nicht. Gab mir nicht die Hand. Wies mir nicht den Weg. Sie ließ mich nur weiterstolpern. Ein Beweis, wie weit ich noch komme. Wann ich endlich aufgebe.

Die Sehnsucht einer Reisenden

Ich wünschte mir jeden Tag, endlich einen Moment zu haben, in dem die Gewissheit käme. Einen Zeitpunkt, der meine Sicht wieder klärte. Jeden Tag stand ich auf, mit nur einem Wunsch: Mein Ziel zu finden. Nicht das schönste Erlebnis vor Ort. Nicht das glitzerndste Meer. Nicht den atemberaubendsten Sonnenuntergang. Ich wollte nur mich selbst wiederfinden …

Und ich tat es nicht.

Ich stolperte. Fühlte mich wie erschlagen. Als würde das Leben mich noch tiefer auf den Boden drücken. Die einstige Lebensenergie, die mich sonst antrieb, ich sah sie seit Monaten nicht. Die einstige Vorfreude die Gegenden zu entdecken, ich suchte sie.

Ich ließ mich treiben. Obwohl ich mich nie treiben lasse. Ich habe immer einen Plan. Ich organisiere, ich überlege mir Routen, ich verbinde Dinge, die ich sehen und erleben möchte. Und nun saß ich in Malaysia und wusste nicht, wofür mein Herz schlug.

Ein Weg ohne Ziel

Es zog mich in keine Richtung. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung, was ich verpassen könnte, weil es das erste Mal war, dass ich nicht mal mehr die Kraft hatte, mich über mein Reiseziel zu informieren. Noch Zuhause saß ich vor meinem Laptop und starrte Google an. Es war mir egal. Ich wollte weg, aber wohin war mir egal.

Ich wollte mich nur wiederfinden.
Endlich wieder glücklich sein.
Mein Lebensziel finden.

Und statt von Herzmoment zu Herzmoment zu hüpfen und die nötige Energie zu sammeln, lag ich am Boden. Oft sehnte ich mich einfach nur danach, tagelang am Strand im warmen Sand zu liegen und auf den Ozean zu blicken. Gefangen im Funkeln. In der Wärme. In der Weite. Zu meinen Füßen die Unendlichkeit.

Und vor dir die Welt …

Eine Welt voll mit Möglichkeiten. Und für mich keine, die passte. Keine, die sich gut anfühlte. Keine, die mich glücklich machte. Ich hatte immer einen Plan. Ich ging zielstrebig durch mein Leben. Sah immer ein Ende und einen Neuanfang. Ich wusste, wo ich beruflich hinmöchte. Verfolgte es wie eine Wilde. Versessen. Sehnsüchtg. Und dann kam es. Und war nicht, wie ich es kannte. Es gab mir nicht das Glücksgefühl, nach dem ich mich all die Jahre gesehnt habe. Statt dessen zog es mich täglich in einen Strudel: Ist es das, was du dein ganzes Leben machen möchtest? Ist es das, was du Tag ein, Tag aus erleben möchtest? Ist es das, was dich immer glücklich machen wird?

Alles in mir sträubte sich. Ich habe selten gesehen, wie sehr es in mir kämpfen kann. Als würde ein böser Geist in mir ruhen, der plötzlich wild um sich schlug und den Notstand ausrief. So kann dein Leben nicht enden. So willst du nicht sein. Immer wieder das Wort Glück in meinem Kopf. Nur endlich wieder glücklich sein … nur endlich wieder.

Ein Weg mit Hindernissen

Statt dass ich am Ende meines Weges nun endlich glücklich war, fiel ich kopfüber in den Abgrund. Etwas, womit ich nie gerechnet habe. Und vor allem nicht mein Umfeld. Es war doch das, was du immer wolltest. Warte doch erstmal ab. Beiß dich durch. Du kannst nicht all die Jahre wegschmeißen. Was willst du jetzt machen? So ist das Leben, komm klar. 

So ist vielleicht euer Leben, aber so ist nicht mein Leben. Ich war schon immer auf der Mission, mit dem Kopf durch die Wand zu knallen. Nicht, weil ich vom Wahnsinn verfolgt werde, sondern weil ich mich danach sehne, mit mir im Einklang zu sein. Ich möchte Dinge, die mich bereichern. Ich möchte abends im Bett liegen und mich nach dem nächsten Tag sehnen, mich auf ihn freuen und ihn begrüßen.

Aber was ich möchte, ist nicht meine Realität. Ich liege im Bett und möchte nicht mehr aufstehen. Jeder Tag ist wie der andere. Egal, wie viel ich tue. Egal, wie viele Gedanken ich habe. Egal, wie viele Ideen mir kommen. Es ändert sich nichts. Vor mir liegt ein Labyrinth. Unzählige Wege, die ich gehen könnte. Und Abermillionen Hindernisse, die mir vor die Füße fallen.

Dein Leben, deine Entscheidung

Ich fühle mich, als würde die Welt mir nicht mehr helfen, sondern auf mir sitzen und mich erdrücken. Sie zeigt mir nicht mehr das Licht am Ende meiner Gedanken. Sie schenkt mir keine Augenblicke mehr, die mir die Hand reichen. Sie lässt mich weiter über meine eigenen Füße stolpern.

Und ruft: Komm klar. Und dann reise weiter. Denn Reisen ist und bleibt meine Liebe. Sie macht mich glücklich. Sie holt mich runter. Sie wird immer bei mir sein. Wir sind eins, so lange ich an uns glaube. Und das werde ich. Immer. Bis ich sterbe.

3 comments

  • Julia

    November 2, 2016

    Sehr schöner, ehrlicher Artikel. Vielleicht braucht man einmal Stillstand, um sich selbst zu sammeln und die Richtung neu auszuloten. Ich wünsche dir auf alle Fälle viel Kraft auf deinem Weg!

    https://rucksackpack.com/

    • Linda

      Linda

      November 6, 2016

      Ja, ich glaube es fast langsam auch … danke! 🙂

      • gammlerzen

        November 26, 2016

        Die Reise geht in uns weiter. Das wiederkehren oder stehen bleiben ins immer ein Gipfel eines Berges und wenn du am Gipfel angekommen bist klettere weiter. Auch wenn die einzige richtung zunächst nach unten zeigt. Danke für deinen Text ich kann mich so in deine beschriebene situation hineinversetzen und es freut mich eine Rudelschwester zu wissen. See you on the road again. Auch ich werde meine schatten seiten konfrontieren und stark bleiben. Und wenn diese baustelle endlich beendet ist gehts weiter. Denn das bin ebend auch ich.

        viel licht und liebe

Leave a Reply

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen